Sally Mann
Jessie at 5, 1987
Sally Mann ist eine US-amerikanische Fotografin, deren Werk seit den 1980er-Jahren filmische Strenge, altmeisterliche Tonalität und eine intensive Auseinandersetzung mit dem Bildraum von Familie verbindet. Ihre Fotografien sind nicht private Schnappschüsse, sondern bewusste Kompositionen, die Kindheit und Nähe als bildnerische Themen verhandeln. Bekannt wurde sie damit, familiäre Intimität nicht sentimental, sondern formal konzentriert zu zeigen.
Jessie at 5 gehört zu dieser Haltung. Drei Kinder stehen dicht vor der Kamera, eingefasst von Pflanzen, als würden sie von einem natürlichen Hintergrund gerahmt. Die zentrale Figur nimmt eine fast portrathaft ruhige Position ein, während die beiden anderen in seitlicher Bewegung oder Abwendung erscheinen. Dadurch entsteht weniger eine Szene des Alltags als eine Bildstruktur, die an Porträts und Gruppenfotografien des frühen 20. Jahrhunderts erinnert: Zentrum, Rand, Variation.
Die weiche Tonung, der bewusst reduzierte Kontrast und die Anmutung eines leicht gealterten Silbergelatineabzugs erzeugen eine zeitlose Erscheinung, wie sie in vielen Ausstellungen und Katalogen zu Manns Werk betont wird. Die Kleidung, die Perlenkette und das Laub fungieren nicht als narrative Symbole, sondern als formale Elemente, die eine stille Konzentration erzeugen. Das Bild interessiert sich nicht für das Erzählen von Kindheit, sondern für das Darstellen von Präsenz.
In kunsttheoretischen Diskussionen wird diese Serie häufig als Reflexion über den Übergang zwischen privatem Leben und fotografischer Darstellung gelesen. Jessie at 5 ist weder Dokumentation noch klassisches Porträt. Es zeigt, wie Fotografie eine Alltagssituation in eine formale, beinahe altmeisterliche Konzentration verwandeln kann – ohne Erklärung, ohne Rollen, ohne erzählerische Absicht.
Was bleibt, ist ein Bild, das Kindheit nicht beschreibt, sondern als Erscheinung setzt.
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platinum print
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image/sheet: 8 x 9 7/8 in. (20.4 x 25 cm.)
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signed, titled, dated with copyright insignia and numbered '1/25' in pencil (verso)
Jessie Bites, 1985
Der Biss bildet das Zentrum des Bildes – nicht als Ausdruck eines Moments, sondern als sichtbare Spur. Die Zähne hinterlassen ein Zeichen auf der Haut, das in der Fotografie wie eine unentzifferbare Schrift erscheint. Der Körper wird dadurch nicht erzählt, sondern markiert. Nähe wird zur physischen Geste, die eine Linie hinterlässt wie eine Zeichnung auf Papier.
Statt den familiären Alltag zu dokumentieren, verwandelt die Fotografie den Biss in ein Bildzeichen. Er wirkt wie eine spontane Aktion, die nachträglich stille Form geworden ist. Als Spur erinnert er an ikonografische Gesten der Verletzung oder der Berührung, doch hier wird er nicht dramatisiert: Er steht einfach da, als sichtbarer Abdruck von Beziehung, weder positiv noch negativ aufgeladen. Die intuitive Handlung eines Kindes erscheint wie ein grafisches Element im Medium der Fotografie.
Mann verschiebt damit den Begriff von Intimität: Die Szene interessiert sich nicht für kindliche Emotion, sondern für die Materialität des Körpers. Der Biss ist keine anekdotische Episode, sondern eine Form, die sich einschreibt. Jessie Bites zeigt Nähe als Eingriff in die Oberfläche. Das Bild bricht mit der Vorstellung des „unschuldigen Kinderfotos“, indem es Kindheit nicht idealisiert, sondern als körperliche Präsenz sichtbar macht – als Spur, als Markierung, als Zeichen im Bild.
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Gelatin silver print.
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20.2 x 25.1 cm (7 7/8 x 9 7/8 in.)
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Signed, titled, dated, numbered 9/25 and copyright notation in pencil on the verso.