Rinus van de Velde

This, he said to himself, is a sign of schizophrenia, 2020

Rinus van de Velde (*1983) nutzt häufig sich selbst als Ausgangspunkt seiner Bildwelten, jedoch nicht im Sinne klassischer Selbstporträts. Er inszeniert Situationen, Rollen und Gedankenräume, in denen seine eigene Gestalt zugleich Modell, Figur und erzählerisches Mittel ist. So entstehen Bilder, die zwischen autobiografischer Nähe und bewusster Fiktion changieren.

Die Arbeit “This, he said to himself, is a sign of schizophrenia,” zeigt ein hyperrealistisch wirkendes, fast filmisches Selbstporträt im Moment des Anzündens einer Zigarette. Der enge Bildzuschnitt, das Spiel von Licht und Schatten und die starke Konzentration auf das eigene Gesicht verleihen der Szene eine beinahe intime Intensität. Die Hand und das Feuerzeug rücken so nah heran, dass der Betrachter in eine unmittelbare Nähe versetzt wird – als Beobachter eines stillen, privaten Augenblicks. Zugleich bleibt die Darstellung, typisch für van de Velde, eine bewusste Inszenierung, in der Biografie und künstlerische Konstruktion ineinandergreifen.

Der Text am unteren Rand – „This, he said to himself, is a sign of schizophrenia“ – verschiebt die Deutung in eine psychologische Innenwelt. Er legt einen inneren Monolog frei, der sich nicht mit dem äußeren Geschehen deckt. Der Akt des Rauchens wird zu einem Moment der Selbstbefragung, vielleicht zu einem Zweifel, vielleicht zu einer ironischen Bemerkung. Die Zeichnung wird so zum Schnittpunkt zwischen einem sichtbaren Vorgang und einem unsichtbaren Gedankengang.

Van de Velde nutzt die filmische Nahaufnahme, um Introspektion zu erzeugen: Das Selbstporträt wirkt real und gleichzeitig erfunden, eine Figur und ein Gedanke, die nur in diesem Bild existieren. Das Werk zeigt exemplarisch, wie der Künstler innere Stimmen, Selbstkommentare und gedankliche Rollen miteinander verschränkt – und wie er die Grenze zwischen psychischer Tiefe und erzählerischer Konstruktion bewusst unbestimmt lässt.

  • charcoal on canvas

  • 166 × 115cm

  • Unikat

  • Courtesy of KÖNIG GALERIE

When I arrived here this afternoon..., 2023

In dieser Arbeit verbindet Rinus van de Velde Landschaft, Erzählung und Selbstbeobachtung zu einem einzigen, still vibrierenden Bildraum. Die Szene wirkt zunächst wie ein friedlicher Sommertag: Menschen sitzen vereinzelt im hohen Gras, vertieft in ihre Notizen, als hätten sie sich an einem abgeschiedenen Ort zum Denken und Zeichnen zurückgezogen. Doch der Text unterhalb des Bildes verschiebt die Wahrnehmung. Er spricht von Überraschung, von unerwarteter Gesellschaft und davon, dass dieser Ort „plötzlich unglaublich beliebt“ geworden sei — vielleicht wegen einer Ausstellung seiner eigenen Werke.

Wie oft bei van de Velde wird das idyllische Setting damit zum Teil einer selbstreferenziellen Fiktion. Die Landschaft ist weniger realer Ort als Bühne für eine innere Erzählung: ein Treffpunkt imaginärer Figuren, die an seinen künstlerischen Kosmos gebunden sind. Der Künstler spielt mit der Idee, dass seine Welt — die er sonst allein konstruiert — von außen bevölkert wird. Das Bild erzählt von Begegnung und Beobachtung, aber zugleich von einer feinen Irritation: Was passiert, wenn das eigene Innenleben plötzlich ein öffentlicher Ort wird?

So entsteht eine Arbeit, die die Grenzen zwischen Realität und Vorstellung, zwischen autobiografischem Moment und erfundener Geschichte verwischt. Die Zeichnung lädt ein, die Szene nicht als abgeschlossen zu lesen, sondern als Teil eines fortlaufenden Narrativs, das van de Velde immer wieder neu entwirft und das sich auch in diesem Blatt weiterschreibt.

  • Ölkreide auf Papier

  • 72.8 x 110 cm.; 28 5/8 x 43 1/4 in.

    89.7 x 126.7 x 4 cm.; 35 1/4 x 49 7/8 x 1 5/8 in. (framed)

  • Unikat

  • The Artist and Galerie Max Hetzler Berlin | Paris | London

It gets dark, 2024

In It gets dark richtet Rinus van de Velde den Blick auf ein Tennisfeld – ein Ort, der zugleich klar strukturiert und vollkommen leer erscheint. Linien, Netze und farbliche Flächen gliedern das Bild in horizontale Zonen; das Spielfeld wirkt wie ein abstraktes Diagramm, das Ordnung verspricht, aber keine Handlung zeigt. Die Szene ist ein Ausschnitt aus der Außenwelt und gleichzeitig ein inneres Terrain: ein Raum, der nur scheinbar funktional ist und sich bei längerer Betrachtung in eine mentale Landschaft verwandelt.

Der Text am unteren Bildrand spricht von Dunkelheit, vom Verschwinden des Lichts und von Orientierung: „Changing planes become memories that will guide me… a map that abstracts reality and thus makes it accessible.“ Die Zeichnung wird damit zu einer Art mentale Kartografie. Das Spielfeld – sonst Ort des Wettkampfs – wird hier zur Visualisierung eines Gedankengangs: Linien als Wege, das Netz als Grenze, Grünflächen als Zonen des Übergangs.

Wie häufig bei van de Velde steht nicht das sportliche Motiv im Zentrum, sondern die Reflexion darüber, wie wir unsere Welt strukturieren, wie wir uns orientieren und wie Erinnerung zu einem inneren Kompass wird. Die zunehmende Dunkelheit, die der Titel benennt, verwandelt das Feld in ein abstrakteres, fast symbolisches Gefüge. Was bleibt, ist eine Karte, die weniger Realität abbildet als eine Denkbewegung. Das Bild hält den Moment fest, in dem äußere Landschaft und innere Orientierung ineinander übergehen.

  • Ölkreide auf Papier

  • 144 × 132 × 5cm

  • Unikat

  • Courtesy of the artist and Tim Van Laere Gallery Antwerp | Rome

And suddenly I realised that I actually wanted to stay a bit longer, 2023

Die Arbeit zeigt eine weite Wasserfläche, deren rhythmische, bewegte Linien fast das gesamte Blatt füllen. Über dem tiefen Blau des Meeres zieht ein einzelner Vogel seine Bahn, klein im Verhältnis zur wogenden Masse unter ihm. Der schmale Streifen Himmel am oberen Bildrand ist beinahe farblos, wodurch die Wasserfläche noch dominanter wirkt – ein Bildraum, der in seiner Reduktion zugleich Weite, Stille und Ungewissheit evoziert.

Der Text darunter – „… I actually wanted to stay a bit longer“ – öffnet eine innere Dimension: Ein beiläufiger Satz, der dennoch wie eine plötzliche Einsicht wirkt. Der Moment des Verweilens wird nicht erklärt, sondern nur angedeutet. Der Vogel, der über dem Wasser gleitet, erscheint als Bild einer leichten Verlängerung des Augenblicks, eines bewussten Innehaltens, bevor es weitergeht.

Wie häufig bei Rinus van de Velde entsteht eine Spannung zwischen äußerer Landschaft und innerer Wahrnehmung. Die Szenerie bleibt realistisch, aber zugleich unbestimmt; sie legt nahe, dass das kurze Bleiben, das „bit longer“, weniger eine räumliche als eine mentale Entscheidung ist. Die Weite des Wassers wird zu einer Projektionsfläche für einen Gedanken, der aufscheint und sich nicht mehr zurücknehmen lässt.

  • Ölkreide auf Papier

  • 110 x 73 cm.; 43 1/4 x 28 3/4 in.

    126.5 x 89.5 x 4 cm.; 49 3/4 x 35 1/4 x 1 5/8 in. (framed)

  • Unikat

  • The Artist and Galerie Max Hetzler Berlin | Paris | London

Forever a memory, 2025

In Forever a memory breitet sich eine nahezu leere, graue Fläche über das gesamte Blatt aus. Nur eine einfache Wanduhr und ein paar verstreute Farbsprenkel durchbrechen die Monochromie. Diese kleinen Farbspuren wirken wie fragile Überreste eines Moments, der einmal lebendig war. Sie stehen in bewusstem Kontrast zu der verbreiteten Vorstellung, Erinnerungen seien bunt, bildhaft und reich an Details.

Van de Velde kehrt diese Erwartung um: Die Erinnerung erscheint nicht als farbige Erzählung, sondern als sedimentierte Spur. Die Uhr markiert einen vergangenen Zeitpunkt, verweist aber gleichzeitig darauf, dass der genaue Inhalt dieses Moments verschwunden ist. Was bleibt, ist ein Raum, der von etwas erzählt, das nicht mehr sichtbar ist – eine Wand, die zu einer mentalen Projektionsfläche wird.

Durch die Spannung zwischen dem blassen, fast neutralen Bildraum und den wenigen Farbtupfern entsteht ein leises Nachhallen. Das Werk thematisiert, wie Erinnerung oft funktioniert: nicht als klar reproduzierbares Bild, sondern als Fragment, als Atmosphäre, als etwas, das gerade durch sein Verschwinden spürbar wird.

Die handschriftliche Zeile „Forever a memory…“ schließt diesen Gedanken auf. Sie benennt das Verblassen selbst – und macht die graue Fläche zu einem Ort, an dem ein vergangener Moment weiterbesteht, gerade weil er nicht mehr greifbar ist.

  • Ölkreide auf Papier

  • 162 × 185cm

  • Unikat

  • Courtesy of the artist and Tim Van Laere Gallery Antwerp | Rome

Actually I don't like change much, 2020

Dieses kleine, fast zurückhaltende Blatt zeigt den Blick durch ein Geflecht winterlicher Äste in einen schmalen Ausschnitt blauen Himmels. Die Szene wirkt alltäglich und zugleich introspektiv: kein dramatisches Motiv, sondern ein kurzer Moment des Innehaltens, wie man ihn beim Blick nach oben zufällig erlebt.

Der handschriftliche Satz darunter – „Actually I don’t like change much“ – verschiebt die Wahrnehmung. Was zunächst wie eine naturhafte Beobachtung erscheint, wird zu einer stillen Selbstbemerkung. Der Künstler verbindet Landschaft und innere Stimme, als würde sich der Gedanke spontan an den Anblick der unbewegten, winterlichen Bäume anschließen.

Gerade das kleine Format verstärkt diese Wirkung. Es wirkt wie eine persönliche Notiz, ein Fragment eines Tages, in dem der Widerstand gegen Veränderung weder dramatisch noch endgültig formuliert wird – eher beiläufig, wie ein ehrliches Eingeständnis. Die verzweigten Äste können dabei als Sinnbild für Zeit und Wachstum gelesen werden, für all die Wege, die sich fortwährend verzweigen, während der Blick – und die Empfindung – still bleibt.

So wird das Bild zu einer leisen, fast privaten Reflexion über Beständigkeit, Skepsis gegenüber Wandel und die kleinen Momente, in denen man merkt, wie sehr man an Vertrautem hängt.

  • Buntstift auf Papier

  • 18.5 x 31.5 cm; 7 1/4 x 12 1/2 in

    50.2 x 62.1 x 4 cm; 19 3/4 x 24 1/2 x 1 1/2

  • Unikat

  • Courtesy of KÖNIG GALERIE