Liu Bolin & RERO
Hide in Paris n°8
In Hide in Paris n°8 verbindet sich Liu Bolins ikonische Strategie der Unsichtbarmachung mit Reros konzeptueller Sprache der durchgestrichenen Worte. Der Körper des Künstlers verschmilzt mit der Wand, bis er kaum noch vom Hintergrund zu unterscheiden ist. Gleichzeitig legt Rero mit einem typografischen Eingriff einen Satz offen, der nicht der Tarnung, sondern der Sichtbarkeit dient: Artikel 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, das Recht auf freie Meinung und freie Meinungsäußerung.
Bolin arbeitet mit fotografischer Perfektion an der Grenze zwischen Auflösung und Selbstbehauptung. Seine Gestalt ist präsent und gleichzeitig entzogen – ein Mensch, der im Stadtbild kaum belegbar wird. Rero antwortet darauf mit Text, der scheinbar aufhebt, was er aussagt: Seine charakteristischen Durchstreichungen markieren das Geschriebene nicht als gelöscht, sondern als umso deutlicher. Was gestrichen wird, drängt sich erst recht auf.
Das Werk verhandelt das Paradox zwischen Sichtbarkeit und Verschweigen: Ein Körper, der im urbanen Kontext verschwindet, und ein politischer Satz, der überdeutlich hervorgebracht und zugleich infrage gestellt wird. Aus Bolins Tarnung und Reros negierender Sprache entsteht ein gemeinsamer Kommentar über Freiheit im öffentlichen Raum – ein Raum, der Menschen zeigt, verbergen kann oder verstummen lässt.
Hide in Paris n°8 erinnert daran, dass Meinungsfreiheit nicht selbstverständlich ist. Sie wird gelesen, gestrichen, verteidigt, übersehen – und bleibt doch sichtbar. In der Überblendung von Körper und Schrift wird das Menschenrecht nicht illustrativ dargestellt, sondern physisch erkämpft: ein Recht, das man sehen muss, gerade wenn es versucht wird zu unsichtbar zu machen.
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180 × 135 cm
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Edition 03/06