Kris Martin
Memoria 2007
Ein Stück Baumstamm, quer angeschnitten, zeigt seine Jahresringe: ein natürliches Archiv, in dem Zeit sichtbar sedimentiert. In dieses geduldige Material ist ein einziger roter Dartpfeil geschlagen – ein präziser, fast schon lächerlich kleiner Eingriff in ein Gebilde, das Jahrzehnte oder gar ein Jahrhundert gewachsen ist. Kris Martin inszeniert hier eine stille Kollision: die zufällige, spielerische Geste trifft auf den Ernst gelebter Zeit.
Der Baum zählt Jahre, indem er sie einlagert. Der Mensch versucht Zeit zu definieren, zu messen, zu treffen. Memoria zeigt diesen Wunsch, Zeit festzunageln, sie zu fixieren wie ein Zielpunkt in einem Spiel. Doch der Versuch bleibt absurd: Der Dartpfeil ist weder im Zentrum noch kraftvoll gesetzt. Er markiert nicht das Wesentliche, sondern eine beiläufige Spur. Er ist mehr Erinnerung als Treffer.
Martin macht die Fragilität des Gedächtnisses sichtbar. Erinnerung entsteht nicht aus Genauigkeit, sondern aus kleinen Einschreibungen: Gesten, Narben, Entscheidungen, die wie Pfeile im Material der Zeit stecken. Memoria fragt, was bleibt – nicht als Zentrum, sondern als zufälliger Stich in der Oberfläche des Lebens.
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Holzscheibe und Dartpfeil
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28,2 × 28,2 cm
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Betitelt, signiert und datiert. Eines von 3 nummerierten Exemplaren mit Unikatcharakter aus einer Gesamtauflage von 4.
Brief an den Vater, 2016
Zeile für Zeile wiederholt Kris Martin dieselbe Botschaft: „I am not an idiot.“ Jede Wiederholung ist von Hand geschrieben, eng gesetzt und vollständig auf den Kopf gestellt. Der Satz bleibt lesbar, aber erst, wenn man ihn nicht aus der üblichen Perspektive betrachtet. Diese Umkehrung ist kein formaler Trick, sondern ein Adressat: Der Text richtet sich nach oben. Er ist so geschrieben, dass der Vater ihn aus dem Himmel lesen könnte.
Damit erhält die obsessive Wiederholung eine existenzielle Dimension. Was wie eine kindliche Trotzformel wirkt – die hartnäckige Verteidigung gegen Herabsetzung, Missachtung oder enttäuschte Erwartungen – wird zu einem nachträglichen Ruf, zu einer Botschaft, die den üblichen Weg verpasst hat. Nicht Dialog, sondern Nachhall. Nicht Rebellion, sondern spätes Erklären. Als könne erst der Himmel eine Anerkennung gewähren, die im Leben verwehrt blieb.
Der goldene Rahmen wiederum verleiht dem wiederholten Satz die Form eines wertvollen Dokuments, eines Reliquiars der Selbstbehauptung. Brief an den Vater ist kein Brief, der auf Antwort hofft. Er ist eine Botschaft, die endlich gehört werden will – zu spät, zu leise, aber insistierend. Ein Text, der das Selbst nicht erklärt, sondern verteidigt. Eine Botschaft an jemanden, der nur noch von oben antworten könnte.
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ink on paper, 17th century frame
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42 x 29.7 cm; 16 1/2 x 11 2/3 in 95 x 78 cm; 37 1/2 x 30 2/3 in
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Unikat
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Courtesy of the artist and KÖNIG GALERIE