Jana Brike
MayDay, 2018
In May Day erscheint die Figur nicht als Porträt, sondern als Signal. Ihr Gesicht hängt kopfüber im Bildraum, als wäre die Körperhaltung umgekehrt worden, ohne den Körper selbst zu zeigen. Das Licht fällt nicht auf ein klassisches Sujet, sondern auf eine ungewöhnliche Blickbeziehung: Der Betrachter sieht sie, während sie ihn – verkehrt, aber unvermittelt – direkt ansieht. Dieser Blick besitzt nichts Zurückhaltendes, obwohl die Figur selbst entblößt und verletzlich wirkt.
Die Landschaft im Hintergrund steht normal, die Figur jedoch nicht. Diese Umkehrung lässt Natur und Körper in unterschiedliche Ordnungen fallen. Die Wiesen, Bäume und der Himmel wirken vertraut, fast idyllisch; das Gesicht dagegen kippt diese Ruhe in eine Störung. Es befindet sich dort, wo Ökonomie und Harmonie des Bildes eigentlich nicht vorgesehen sind. May Day bildet damit ein doppeltes Alarmzeichen: formal durch das Umstürzen, inhaltlich durch den aufmerksamen, fast alarmierten Blick, der das Bild zurückantworten lässt.
In den Haaren der Figur befinden sich kleine blaue Blumen – unscheinbar, doch präzise gesetzt. Sie wirken wie fragile Markierungen eines natürlichen Kontakts, der inmitten der Spannung bestehen bleibt. Trotz ihrer Verletzlichkeit trägt die Figur diese Zeichen wie Schutz oder Widerstand. Was im ersten Moment als poetische Geste erscheint, entwickelt sich als stille Behauptung von Präsenz.
May Day ist nicht das Rufen nach Hilfe, sondern ein Bild, das seine eigene Signalwirkung behauptet. Es löst Alarm nicht aus, sondern verkörpert ihn. In der Umkehrung liegt kein Sturz, sondern ein Widerstand gegen das Gewohnte – ein Blick, der nicht fällt, sondern sich trotz Schwerkraft behauptet.
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Öl auf Leinwand
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30 × 30 cm
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Unikat