Harding Meyer
"o. T. (11-2013)"
Das monumentale Porträt o. T. (11-2013) zeigt Harding Meyers charakteristische Malweise: ein Gesicht, das gleichzeitig präsent und entrückt wirkt. Die Figur ist nicht als Person dargestellt, sondern als Bildobjekt – als vielfach überlagerte Fläche aus Farbschichten, Retuschen, Fragmentierungen. Die Nähe, die der Blick suggeriert, wird durch die Malweise gebrochen: Das Gesicht scheint aus einzelnen, fast mosaikhaften Feldern zusammengesetzt zu sein, die sich erst aus einer gewissen Distanz zu einem kohärenten Ganzen verbinden.
Meyer arbeitet mit fotografischen Vorlagen, doch seine Bilder sind keine Reproduktionen. Das physiognomische Detail dient ihm als Ausgangspunkt für etwas Abstraktes: Die Porträtierten wirken nicht porträtiert, sondern konstruiert. Haut, Augen und Mund bestehen aus unzähligen Lasuren und Übermalungen; die Oberfläche erzählt mehr vom Prozess des Entstehens als vom dargestellten Menschen. Das Bild führt uns in einen Schwebezustand zwischen Erinnerung, medialer Bildkultur und Malerei.
o. T. (11-2013) zeigt damit nicht eine konkrete Identität, sondern die Idee eines Gesichts. Es wirkt zugleich vertraut und fremd, anwesend und doch ohne Biografie. Meyers Porträts sind keine Abbilder, sondern Reflexionen darüber, wie stark unser Blick von medialen Bildern geprägt ist. Das Werk steht im Atelier zwischen anderen Gesichtern – wie in einem visuell überfüllten Gedächtnisraum – und macht deutlich, dass Identität im Bild nicht erzählt, sondern gebaut wird.
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Öl auf Leinwand
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200 × 260 cm
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Unikat