Hans-Peter Feldmann
Familie ohne Köpfe
Ein Familienfoto, wie man es aus alten Alben kennt: gedeckter Kaffeetisch, Sonntagskleidung, Blumenstrauß, ein Mädchen in der Mitte, umringt von vertrauter Nähe. Doch die Köpfe der Figuren sind ausgeschnitten. Der Eingriff wirkt nicht zerstörerisch, sondern geradezu sachlich, als hätte man nur das entfernt, was zu viel erzählt. Die Szene bleibt vollkommen lesbar als Familie – und doch fehlt das, was sie unverwechselbar machen würde.
Ohne Gesichter verliert das Bild seine biografische Bindung. Was bleibt, ist das Ritual: die Geste des Hinsetzens, die inszenierte Harmonie, die soziale Rolle. Die Mutter bleibt Mutter, der Vater bleibt Vater – aber nicht als Personen, sondern als Funktionen. Feldmann macht damit sichtbar, wie die klassische Familienfotografie weniger das Individuum festhält als ein gesellschaftliches Ideal.
Diese Entindividualisierung spiegelt sich konsequent in seiner Praxis: Feldmann verzichtet bewusst auf Informationen zu Jahrgang, Editionen oder Auflagen. Er entzieht der Kunst jene Mechanismen der Verwertung, die über Exklusivität, Einzigartigkeit und kunstmarktbezogene Identität funktionieren. Wie die Gesichter verzichtet auch die Werkangabe auf das „Einmalige“.
Familie ohne Köpfe wird so doppelt anonymisiert: im Motiv und im Werkstatus. Es ist weder als individuelles Porträt zu lesen noch als singuläres Sammlungsobjekt zu besitzen. Feldmann überführt das Private in allgemeine Strukturen und bricht zugleich mit dem Bedürfnis nach Einordnung, Authentifizierung und Namensgebung. Er zeigt eine Familie – und lässt offen, zu wem sie gehört. Heutiger Betrachter oder vergangenes Leben, Kunst oder Erinnerung: die Frage wird unwichtig. Es bleibt nur die Form, und wir füllen sie selbst.
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64,5 x 95,5 cm
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Bewusst unbekannt, siehe Text.