Elmgreen & Dragset

Berlin Since 1989, 2019

Ein gelbes Buch, glatt und repräsentativ wie ein offizieller Stadtführer. Der Titel verweist auf den Wendepunkt 1989, auf den Mythos des Neuanfangs: Berlin als Projektionsfläche für Freiheit, Kreativität, Aufbruch. Doch dieses Buch lässt sich nicht öffnen. Es ist aus Holz gefertigt, ein Objekt, das den Anschein von Wissen erweckt und zugleich jeden Zugang verweigert. Die Geschichte, die es zu erzählen vorgibt, bleibt verschlossen.

Obenauf liegt eine schwarze Schnecke. Sie „besitzt“ das Buch nicht, sie bewacht es nicht – sie überdauert es. In ihrem langsamen, unheroischen Dasein widerspricht sie dem schnellen, oft hysterisch wiederholten Bild einer Stadt im permanenten Wandel. Seit 1989 wird Berlin erzählt als Ort explosiver Entwicklung, ein Magnet für Kultur, Kapital und Identitätsversprechen. Die Schnecke legt sich über diesen Mythos und entzieht ihm seine Geschwindigkeit. Sie macht sichtbar, dass Geschichte nicht nur pulsiert, sondern auch stockt, blockiert, erodiert.

Wenn das Buch nicht lesbar ist, bleibt nur das, was außen steht: Narration als Oberfläche. Berlin since 1989 wird so zu einer Skulptur über die Konstruktion urbaner Geschichten — darüber, wer sie erzählt, wer sie konsumiert und wer von ihnen ausgeschlossen wird. Das Werk deutet an, dass die „Gesichter“ der Stadt, ihre Individuen, nicht in offiziellen Chroniken zu finden sind. Sie bleiben verborgen, unzugänglich wie das Innere des Buches, sichtbar nur als Spur, so unscheinbar und hartnäckig wie die Bewegung einer Schnecke.

  • Holz, Lack, Bronze

  • 5,5 x 24 cm

  • Unikat

  • Courtesy of the artist and KÖNIG GALERIE