Brigitte Waldach
History Now, 2016
In ihrer Serie History Now untersucht Brigitte Waldach, wie sich Geschichte im digitalen Zeitalter formt: nicht als gesicherter Kanon, sondern als öffentlich verhandelbares Wissensfeld. Ausgangspunkt sind nicht beliebige Archive, sondern Texte und Artikel aus Wikipedia, also eine Plattform, auf der kollektives Schreiben, Korrektur, Ideologie und Irrtum untrennbar ineinandergreifen. Waldach überführt diese offenen, veränderbaren Einträge in großformatige Zeichnungen, die sie um eigene Gedanken und gedankliche Assoziationslinien erweitert. Das Resultat ist kein Zitat, sondern eine Interpretation des digitalen Gedächtnisses.
Begriffe, Namen und Schlagworte verdichten sich zu einem Geflecht aus Worten, Linien und figürlichen Schatten, das wie ein gedanklicher Resonanzraum funktioniert. Figuren aus Religion, Politik, Philosophie und Terror tauchen nur schemenhaft auf – nicht um repräsentative Porträts zu liefern, sondern um ihre Sichtbarkeit und narrative Macht zu hinterfragen. In welchem Moment wird etwas zur „Geschichte“? Wer schreibt, wer überschreibt, und welche Stimmen bleiben im Dunkeln? Waldach übersetzt diese Fragen in eine Bildsprache, in der Text nicht erläutert, sondern Struktur wird.
History Now macht sichtbar, dass Erinnerung im digitalen Leben weder abgeschlossen noch objektiv ist, sondern ein umkämpfter öffentlicher Raum, dessen Inhalte permanent angepasst, verzerrt, verbessert oder instrumentalisierbar sind. Schrift wird Körper, Linie wird Argument, Undurchsichtigkeit wird Position. So entsteht ein Bild davon, was Geschichtsschreibung heute bedeutet: ein Prozess, der nicht nur erzählt, sondern ständig neu verhandelt wird – in den Händen von Vielen, nicht Wenigen.
Famous
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2x 200 × 150 cm
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Unikat