Alicja Kwade
Alicja Kwade (geb. 1979) zählt zu den prägendsten Positionen der zeitgenössischen Konzeptkunst. Ihr Werk untersucht die grundlegenden Ordnungssysteme, durch die wir Wirklichkeit erfassen: Zeit, Raum, Materie, Kausalität. Mit wissenschaftlicher Neugier, philosophischer Strenge und skulpturaler Präzision legt sie die Fragilität dieser Systeme offen und macht sichtbar, wie instabil das vermeintlich Verlässliche ist.
Durch Transformationen von Alltagsmaterialien, mathematischen Strukturen und physikalischen Prinzipien entstehen Arbeiten, die wie räumliche Gedankenexperimente funktionieren. Sie verschieben Perspektiven, unterwandern Gewissheiten und öffnen alternative Möglichkeitsräume, in denen Wahrnehmung und Welt in ein neues Verhältnis treten.
Gerade diese Fähigkeit, das Denken selbst in Form zu überführen, macht Kwade zu einer zentralen Stimme der Gegenwart – und zu einer Schlüsselposition der Sammlung Hertz. Ihr Werk wirkt hier als intellektueller und ästhetischer Bezugspunkt, der die Klammer der Sammlung wesentlich mitdefiniert.
Against the run, 2023
Auf den ersten Blick wirkt Against the run wie eine vertraute Uhr – doch diese Vertrautheit zerfällt sofort. Das Zifferblatt dreht sich rückwärts, der Sekundenzeiger verharrt unbeweglich, und dennoch zeigt die Uhr die korrekte Zeit. Diese feine Irritation lässt die Ordnung ins Wanken geraten, auf die wir uns täglich verlassen.
Alicja Kwade greift hier eines ihrer zentralen Themen auf: die Untersuchung der Systeme, mit denen wir Wirklichkeit strukturieren. Zeit ist dabei ein besonders wirkmächtiges Konstrukt – abstrakt, aber durch Instrumente wie Uhren scheinbar objektiv und stabil. Indem Kwade genau dieses Instrument minimal verschiebt, entlarvt sie die kulturelle Setzung hinter dem vermeintlich Naturgegebenen. Die Uhr lässt sich nicht mehr intuitiv lesen; sie zwingt uns, unsere Wahrnehmungslogik neu zu kalibrieren.
Zugleich entfaltet die Arbeit eine poetische Dimension. Die rückläufige Bewegung erinnert an zyklische Zeitvorstellungen, während der starre Sekundenzeiger das Moment des Innehaltens betont. So wird die Uhr selbst zur Skulptur, die nicht nur ein Messinstrument dekonstruiert, sondern das Konzept von Zeit als menschliche Konstruktion offenlegt.
Against the run ist eine präzise Störung des Gewohnten. Gerade in dieser Verschiebung entsteht ein Raum, in dem alternative Ordnungen denkbar werden – und in dem sichtbar wird, wie sehr unsere Orientierung auf stillschweigenden Übereinkünften beruht.
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Diverse
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356,8cm
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Unikat
Little Tripple Be-Hide, 2019
Drei Steine, zwei Spiegel – und doch ist das, was sich vor uns öffnet, weit mehr als eine Anordnung von Objekten. Die Arbeit wird zu einer optischen Bühne, in der sich Realität, Reproduktion und Erwartung unablässig überlagern. Kwade schafft ein Setting, das unsere Wahrnehmung nicht nur herausfordert, sondern aktiv in die Irre führt: Was wir zu sehen glauben, ist stets schon ein Bild, ein Abbild oder ein Echo.
Kwade interessiert sich für die Mechanismen, mit denen wir „Realität“ konstruieren. Was gilt als authentisch, wenn Materialien imitiert, Oberflächen gespiegelt und Formen vervielfältigt werden? Die präzise gesetzten Spiegel eröffnen nicht nur neue Perspektiven, sie produzieren zugleich konkurrierende Wirklichkeiten, die sich in den Blick des Betrachters einschreiben. Der vermeintlich stabile Naturstein zeigt sich plötzlich als künstlich erzeugtes Volumen, das Massivste als Replik, und die Spiegel fungieren als Instrumente, die Fiktion mit der Autorität des Tatsächlichen ausstatten.
So treffen in dieser Arbeit zwei Weltmodelle aufeinander: die Zufallsform des „Natursteins“ – mit all ihrer geologischen Anmutung – und die technische Präzision industriell hergestellter Spiegel. Naturgeschichte und industrielle Produktion stehen gleichberechtigt nebeneinander und verhandeln die Frage, worauf unsere Vorstellungen von Echtheit überhaupt beruhen.
Little Triple Be-Hide legt offen, wie wenig Reales es braucht, um Überzeugungskraft zu entfalten. Schon ein kleiner materieller Ausgangspunkt genügt, damit sich im Spiegelapparat ganze Wirkungsräume bilden. Die Arbeit zeigt, wie schnell Wahrnehmung zur Konstruktion wird – und wie bereitwillig wir unsere Gewissheiten an das Sichtbare knüpfen, selbst wenn dieses längst zur Inszenierung geworden ist.
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granite, bronze patinated, mirror
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110 x 168 x 75 cm
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Unikat
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Courtesy of the artist and KÖNIG GALERIE
Siège du Monde, 2022
Mit Siège du Monde verwandelt Alicja Kwade ein scheinbar alltägliches Möbelstück in ein präzises philosophisches Modell. Ein klassischer Stuhl trägt – oder wird getragen von – einer massiven Steinkugel, deren physische Präsenz die vertraute Logik von Funktion und Stabilität unmittelbar in Frage stellt. Die Arbeit erzeugt eine Irritation, die weniger spektakulär als subtil ist: Sie macht spürbar, wie fragil die Ordnung ist, die wir Dingen zuschreiben.
Kwade untersucht seit Jahren, wie wir die Welt durch Kategorien, Maße und Bedeutungen lesbar machen. Hier verschränkt sie zwei Elemente, deren Rollen klar verteilt scheinen – der Stuhl als funktionales Objekt, die Kugel als schweres, elementares Material – und bringt sie in ein Verhältnis, das sich nicht eindeutig bestimmen lässt. Trägt der Stuhl die Welt? Oder drückt die Welt ihr Gewicht auf das menschengemachte Objekt? Die Arbeit kippt zwischen beiden Lesarten hin und her und offenbart genau in diesem Schwebezustand ihre Stärke.
Die skulpturale Konstellation erinnert zugleich an kosmologische Modelle, in denen die Welt als Kugel erscheint, aber auch an Alltagsfragen nach Halt, Last und Verantwortung. Kwade verschiebt die Hierarchien zwischen Objekt und Bedeutung, Naturmaterial und Kulturgut, Symbol und Funktion. Der Stuhl wird nicht mehr nur Sitzmöbel, sondern eine Art Diagramm für die Art und Weise, wie wir Wirklichkeit strukturieren – und wie schnell diese Struktur ins Rutschen geraten kann.
Siège du Monde ist damit nicht einfach eine skulpturale Einheit, sondern ein Denkraum: eine stille, aber präzise Aufforderung, über die Position des Menschen im Verhältnis zu seiner Welt nachzudenken – und darüber, wie viel von dem, was wir als stabil empfinden, tatsächlich nur auf Anordnungen beruht, die wir selbst geschaffen haben.
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Holz und Stein
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82,5 x 45 x 48cm
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Unikat
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Courtesy of the artist and KÖNIG GALERIE
Three trees tell, 2020
In Three Trees Tell verbindet Alicja Kwade Naturbeobachtung, Materialtransformation und philosophische Reflexion zu einer vielschichtigen skulpturalen Erzählung. Drei Bäume – beziehungsweise ihre Fragmente – stehen nebeneinander und scheinen zunächst auf eine einfache Vergleichssituation hinauszulaufen. Doch erst im direkten Gegenüber wird die eigentliche Spannung sichtbar: Jeder dieser „Bäume“ verkörpert eine andere Form von Wirklichkeit.
Ein Stamm bleibt in seiner natürlichen Beschaffenheit nahezu unverändert und trägt die Spuren organischen Wachstums. Der zweite präsentiert sich als industriell verarbeitete Version desselben Materials – ein Objekt, das durch menschliche Intervention geformt, genormt, geglättet wurde. Der dritte wiederum wirkt wie eine exakte Replik, doch seine Identität bleibt ambivalent: Ist er Kopie, Variation, Interpretation? Genau in dieser Unschärfe öffnet sich der Denkraum, in dem Kwades Arbeit operiert.
Kwade hinterfragt, wie sich Identität in der Übersetzung von Natur zu Kultur, von Material zu Objekt, von Beobachtung zu Bedeutung verschiebt. Was bleibt von einem Baum, wenn er transformiert wird? Und wann beginnt eine Kopie, eine eigene Wirklichkeit zu behaupten? Durch die Gegenüberstellung der drei Formen zeigt die Künstlerin, dass Identität kein fixer Zustand ist, sondern ein Prozess – bestimmt durch Wahrnehmung, Kontext und die Zuschreibungen, die wir Dingen verleihen.
Three Trees Tell funktioniert damit wie ein Modell für die Konstruktion von Wirklichkeit. Die Arbeit macht sichtbar, dass das Offensichtliche mehrere Geschichten zugleich trägt: Die Naturgeschichte des gewachsenen Holzes, die Kulturgeschichte seiner Verarbeitung und die gedankliche Geschichte seiner Replikation. Kwade betont, dass kein Objekt eine eindeutige Wahrheit besitzt – es sind unsere Blickregime, die entscheiden, was wir für „echt“, „ursprünglich“ oder „konstruiert“ halten.
So wird die Skulptur zu einer vielstimmigen Erzählung darüber, wie wir Welt verstehen. Die drei „Bäume“ sprechen nicht nur über Material, sondern über Perspektiven – darüber, dass Wirklichkeit immer aus Übersetzungen besteht und dass jede Form von Identität das Ergebnis einer Vielzahl möglicher Lesarten ist.
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Kalkstein, Eiche, Bronze
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210cm x 250cm x 320cm
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Unikat
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Courtesy of the artist and KÖNIG GALERIE
Principium, 2022
In Principium (2022) bringt Alicja Kwade zwei grundlegende Ordnungsmodelle unserer Zeit in eine präzise skulpturale Spannung: den aus Metall geformten DNA-Strang als Symbol biologischer Herkunft und das Smartphone als Ikone technologischer Gegenwart. Die Gegenüberstellung wirkt zunächst schlicht, doch gerade ihre Direktheit öffnet einen komplexen Denkraum. Kwade lässt zwei Systeme miteinander kollidieren, die unser Selbstverständnis entscheidend prägen – Natur und Technologie, Ursprung und Fortschritt, Kodierung und Kommunikation.
Der DNA-Strang verweist auf die elementarste Form von Information: jene, die Leben ermöglicht, Variation hervorbringt und Identität im biologischen Sinn strukturiert. Das Smartphone hingegen steht für die codierten Datenströme, die heute unsere sozialen und kulturellen Identitäten formen. Beide Objekte sind Träger von Wissen – nur auf völlig unterschiedlichen Ebenen. Als Skulptur entfaltet Principium genau in diesem Spannungsfeld seine Wirkung: Es zeigt, wie eng wir biologische und technologische Prozesse miteinander verschränken, und wie sehr unsere Wirklichkeitsauffassung von beidem zugleich bestimmt wird.
Kwade verweist damit auf die Frage nach dem „Anfang“ im titelgebenden Sinn. Wo beginnt Identität – im genetischen Code oder in den technologischen Praktiken, die uns in Echtzeit definieren? Und wie verschiebt sich das Verständnis von Herkunft in einer Welt, in der Daten, Algorithmen und Vernetzung ebenso prägend sind wie physische Körperlichkeit? Die Arbeit führt vor Augen, dass unser Bild von Realität längst ein hybrides ist: ein Gewebe aus Natur und Kultur, organischem Wachstum und digitaler Architektur.
Principium legt offen, dass jedes vermeintliche Fundament – sei es biologisch oder technologisch – ein System von Codierungen ist, das wir lesen, interpretieren und in unseren Alltag integrieren. Kwade zeigt, dass Orientierung niemals naturgegeben ist, sondern aus Konstruktionen entsteht, die wir kontinuierlich neu verhandeln. Die Skulptur wird damit zu einem Modell für die Frage, wie wir uns selbst verorten: zwischen Herkunft und Zukunft, zwischen Materialität und Information, zwischen dem, was uns gegeben scheint, und dem, was wir erschaffen.
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Bronze
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30 × 16 × 16cm
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Edition 12 + 3 A.P.
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Courtesy of the artist and KÖNIG GALERIE
Gold Volks, 2015
In Gold Volks (Taiwan) überführt Alicja Kwade volkswirtschaftliche Daten in eine greifbare skulpturale Form. Ausgangspunkt sind die offiziellen Goldreserven eines Landes, heruntergebrochen auf den rechnerischen Anteil pro Einwohner. Ein Wert, der normalerweise nur als abstrakte Statistik existiert, erhält hier physische Präsenz – und wird dadurch überraschend anschaulich.
Die Skulptur macht sichtbar, wie relativ nationale Wohlstandsindikatoren sind. Ein hoher staatlicher Goldbestand vermittelt Stabilität, doch auf das Individuum gerechnet entsteht oft ein erstaunlich kleiner, fast fragiler Wert. Genau in dieser Diskrepanz zwischen symbolischem Reichtum und tatsächlichem Anteil legt Kwade die Konstruktion ökonomischer Bedeutungen frei.
Die Arbeit zeigt, dass Kategorien wie „Wert“, „Besitz“ oder „Stabilität“ nicht aus den Materialien selbst entstehen, sondern aus den politischen und kulturellen Rahmen, die wir ihnen geben. Gold verliert seinen mythischen Charakter als Garant von Reichtum und wird zu einem Rechenwert, dessen physische Verdichtung unsere Wahrnehmung herausfordert.
Gold Volks wird so zu einem präzisen Modell dafür, wie ökonomische Ordnungssysteme wirken: Sie beruhen auf Daten, Konventionen und Narrativen – nicht auf Naturgegebenheiten. Kwade macht diese Zusammenhänge sichtbar, indem sie das Unsichtbare materialisiert und so die Fragilität vermeintlich stabiler Werte offenlegt.
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Gold
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9,8mm x 9,8mm
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Eine von 97 landesspezifischen Unikaten.
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Courtesy of the artist and KÖNIG GALERIE
168h (=1 Woche), 2015
In 168h übersetzt Alicja Kwade den abstrakten Begriff der Zeit in eine lineare, physische Setzung. Über die gesamte Länge des Blattes zieht sich eine Reihe winziger, identischer Stundenzeiger – 168 Markierungen, eine für jede Stunde einer Woche. Was im Kalender als unsichtbare Struktur existiert, wird hier zu einer messbaren Spur: minimal, repetitiv und zugleich erstaunlich eindringlich.
Kwade untersucht in dieser Arbeit, was geschieht, wenn Zeit in exakt gleiche Einheiten zerlegt wird. Die formale Gleichförmigkeit suggeriert Präzision und Objektivität, doch sie steht im direkten Widerspruch zu unserer gelebten Erfahrung. Stunden sind nicht gleichwertig: Sie dehnen sich, verfliegen, belasten oder entlasten. Die lineare Reihe behauptet Ordnung, während die subjektive Zeitwahrnehmung sich dieser Ordnung entzieht.
Gerade dieser Bruch erzeugt die poetische Wirkung der Arbeit. 168h zeigt nicht die Zeit selbst, sondern die Konstruktion, mit der wir versuchen, sie zu fassen. Kwade legt offen, wie sehr unsere Ordnungssysteme auf Vereinheitlichung beruhen – und wie brüchig diese wird, sobald sie auf das Erleben trifft. Die Skulptur wird so zu einem Modell für die Diskrepanz zwischen abstrakter Struktur und gelebter Wirklichkeit.
In ihrer Reduktion verweist die Arbeit auf das Paradox aller Zeitmessung: Sie soll Klarheit schaffen, doch macht sie zugleich die Unmöglichkeit sichtbar, das Fluide, Qualitative, Persönliche der Zeit vollständig zu erfassen. 168h verwandelt eine Woche in eine Linie – und zeigt damit, wie viel zwischen diesen scheinbar identischen Markierungen verschwindet.
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brass (pocket watch hands) on cardboard, framed
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34 × 300 cm
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Unikat
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Courtesy of the artist and KÖNIG GALERIE
Alicja Kwade - SELBSTPORTRAIT (10361 x 25p), 2020
In Selbstportrait (10361 × 25p) verschiebt Alicja Kwade radikal die Vorstellung eines klassischen Selbstporträts. Statt ein Bild ihres Gesichts oder Körpers zu zeigen, nutzt sie ihre eigene DNA als künstlerisches Material. Die Arbeit besteht aus 10.361 digitalen Einheiten, die jeweils 25 Seiten voller genetischer Buchstabenfolgen enthalten – ein Porträt aus Daten, nicht aus Darstellung.
Kwade macht damit sichtbar, dass Identität nicht über äußere Erscheinung definiert ist, sondern über Informationen, Strukturen und unsichtbare Systeme. Indem sie ihren genetischen Code offenlegt, zeigt sie zugleich das individuell Einzigartige und das universell Gemeinsame. Fast die gesamte Sequenz eines Menschen ist mit allen anderen Menschen identisch; nur minimale Abweichungen erzeugen individuelle Differenz. Das Selbst erscheint hier nicht als Bild, sondern als statistischer Ausnahmefall.
Die Arbeit greift zentrale Fragen von Kwades Praxis auf: Was macht Wirklichkeit aus? Wo endet Materialität? Wie lässt sich das Unsichtbare erfahrbar machen? In Selbstportrait wird der Körper in reine Daten überführt, die nur lesbar, aber nicht visuell interpretierbar sind. Es entsteht ein paradoxes Porträt: extrem persönlich und zugleich anonym, vollständig offenbart und dennoch unverständlich.
Selbstportrait (10361 × 25p) unterläuft damit sowohl das klassische Porträt als auch den Wunsch nach Authentizität im digitalen Raum. Das Werk zeigt nicht, wie die Künstlerin aussieht – es zeigt, woraus sie besteht. Identität erscheint als verschlüsseltes System, das sichtbar gemacht werden kann, ohne jemals vollständig begreifbar zu sein.